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Landtagsrede von Christa Reichwaldt

29. Juni 2011

Rede zum Thema: "Landesregierung stellt Ideologie vor Qualität - Bundesweit ausgezeichnetes Göttinger Schulmodell vor dem Aus?"

Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Meine Damen und Herren!

Zunächst einmal auch von mir einen ganz herzlichen Glückwunsch an die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen-Geismar zum Gewinn des Deutschen Schulpreises!
(Beifall bei der LINKEN und bei den GRÜNEN)
Was ist das Besondere an dieser Integrierten Gesamtschule? - Sie hat für ihr pädagogisches Konzept eine Ausnahmeregelung. Sie ist nicht in das vorgegebene Korsett von äußerer Fachleistungs-differenzierung eingebunden. Sie muss die Schüle-rinnen und Schüler also nicht in A- und B-Kurse unterteilen und nach Leistung aufteilen. Diese IGS kann den Anspruch des gemeinsamen Lernens aller Kinder zu Ende denken und daraus ein pädagogisch stimmiges Konzept ableiten.
Als Ergebnis haben wir kleine, heterogene Tisch-gruppen als Herz der Schule, in der Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Voraussetzungen und unterschiedlichem Leistungsstand gemeinsam und dabei voneinander und miteinander lernen. Es gibt keinen Notendruck bis Klasse 8 und keine Angst vor dem Sitzenbleiben bis Klasse 10. Im Mittelpunkt steht die jeweilige Schülerin bzw. der jeweilige Schüler mit den individuellen Stärken, Schwächen und Entwicklungsmöglichkeiten.
Bei der Preisverleihung zum Deutschen Schulpreis wurde der Rektor der Schule von der Moderatorin Sandra Maischberger gefragt: Es gibt keine Noten, kein Sitzenbleiben, kein Abschulen, keine äußere Fachleistungsdifferenzierung - warum entsteht trotzdem Leistung? - Die Antwort des Schulleiters war denkbar einfach: Deswegen entsteht Leistung!(Beifall bei der LINKEN und bei den GRÜNEN)Meine Damen und Herren, ich kann nur sagen: Der Schulleiter hat es auf den Punkt gebracht. Diese Schule steht für Qualität.Wie wird Schule besser? - Diese Frage sollte immer der Maßstab für Änderungen in unserer Schullandschaft sein. Aber was plant die Landesregierung? - Die Laufzeit der Ausnahmegenehmigung, von der ich am Anfang sprach und die seit Jahren gilt, soll nicht verlängert werden. Dies bestätigte das Kultusministerium gegenüber der Presse am Rande der Preisverleihung. Eine schallendere Ohrfeige für den Bundespräsidenten, der den Preis verliehen hat, kann es kaum geben.(Beifall bei der LINKEN)Da wird der ständige Vorwurf der Ideologie an die Opposition von Ihrer Seite wirklich zur blanken Projektion. Was anderes als Ideologie ist es, die-ses Schulmodell infrage zu stellen?(Beifall bei der LINKEN)Natürlich ist die schulpolitische Diskussion der letzten Jahrzehnte ideologisch geprägt. Ich frage: Ist die Entscheidung der Kultusministerkonferenz zur gemeinsamen Anerkennung von Bildungsabschlüssen, die erst dazu führten, dass Integrierte Gesamtschulen auch in Niedersachsen nach A- und B-Kursen differenzieren müssen, nicht auch schon Ideologie, weil sie nicht zulässt, was nicht sein darf? Es ist Ideologie, wenn für diese Landesregierung nicht sein kann, was nicht sein darf, nämlich dass in einer Schule ohne jede Form der äußeren Leistungsdifferenzierung integrativ unterrichtet wird und diese Schule dann als beste Schule Deutschlands ausgezeichnet wird. Deshalb verweigern Sie jetzt die Ausnahmegenehmigung und zwingen dieser Schule das Turboabitur auf, auch wenn damit das pädagogische Konzept dieser Schule zerstört wird, die eben als beste Schule Deutschlands ausgezeichnet worden ist.Bundespräsident Christian Wulff, der hier als Ministerpräsident zähneknirschend, sozusagen mit der Faust in der Tasche, am Beginn seiner zweiten Amtszeit das Errichtungsverbot für Gesamtschulen aufheben musste, sprach nun bei der Preisübergabe von einer - Zitat - super Schule, die - noch ein Zitat - erfolgreiche Arbeit mache und - ein drittes Zitat - deren Konzept sich durchgesetzt habe. - Jawohl, Christian Wulff sprach über die IGS Göttingen-Geismar! In der begleitenden Pressemitteilung wird er zudem mit den Worten zitiert, dass er es wichtig finde, dass die - ich zitiere ein letztes Mal unseren ehemaligen Ministerpräsidenten - Unterrichtskonzepte der Preisträger Schule machten.Mit Ihrer Weigerung, die Ausnahmegenehmigung zu verlängern, führt diese Landesregierung unseren Bundespräsidenten regelrecht vor. Aber nicht nur das: Auch unser Alterspräsident setzt sich für die IGS Göttingen-Geismar ein.(Zustimmung bei der LINKEN und bei den GRÜNEN)In einer Presseerklärung der CDU Göttingen begrüßen Sie, Herr Koch, gemeinsam mit Ihrem Kollegen im Kreis- und Landtag Herrn Güntzler die Ausnahmegenehmigung für die Schule.(Zustimmung bei der LINKEN und bei den GRÜNEN)Dort heißt es wortwörtlich von Herrn Kollegen Güntzler:„Dieses Konzept berechtigt meines Erachtens dazu, hier eine Sonderregelung nur für die IGS Geismar zu schaffen, die das Abitur nach 13 Schuljahren auch weiterhin ermöglicht, da andernfalls das Konzept gefährdet ist“.(Beifall bei der LINKEN und bei den GRÜNEN)Meine Damen und Herren, das Konzept dieser Schule ist für Niedersachsens Schulen wegweisend. Dieser Weg steht für das Erfolgsmodell der Integrierten Gesamtschule insgesamt, und die Bürger in Niedersachsen wollen dieses Erfolgsmodell. Fast 1 Million Unterschriften bis jetzt für das Volksbegehren für gute Schulen sind auch eine Viertelmillion Unterschriften für eine gleichberechtigte Zulassung von Integrierten Gesamtschulen und das Recht eines jeden Kindes auf eine solche Schule. Sie werden sich diesem Druck nicht mehr lange entziehen können. Spätestens 2013 ist Schluss!Die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen-Geismar braucht allerdings jetzt die Bestätigung ihres Modells.Vielen Dank.(Beifall bei der LINKEN und bei den GRÜNEN sowie Zustimmung bei der SPD)