Zurück zur Startseite

Landtagsrede von Christa Reichwaldt

29. Juni 2011

Rede zum Thema: "Doppelabitur 2011: Ein starker Jahrgang mit starken Chancen"

Herr Präsident! Meine Damen und Herren!

„Doppelabitur 2011: Ein starker Jahrgang mit starken Chancen“ lautet der Titel dieser Aktuellen Stunde. Ich wiederhole erst einmal die herzliche Gratulation an alle Abiturientinnen und Abiturienten dieses Jahrgangs.
(Karl-Heinz Klare [CDU]: Das habe ich doch schon gesagt!)
Das Doppelabitur liegt gerade hinter uns. Das ist unbestritten. Den starken Jahrgang und die starken Chancen möchte ich aber gerne hinterfragen.
Zahlenmäßig ist dieser doppelte Abiturjahrgang stark ausgedünnt worden. Man könnte sogar von einer Flucht aus dem Turboabitur reden. Nehmen wir das Graf-Stauffenberg-Gymnasium Osnabrück: jedes Jahr 120 Abiturienten, so auch ein Jahrgang, der in diesem Jahr mit dem Abitur die Schule verlässt. Der Turbojahrgang hat weniger als die Hälfte, nämlich gerade einmal 51 Schülerinnen und Schüler.
(Aha! Bei der LINKEN)Am Gymnasium Goetheschule Hannover: 30 % Wiederholung im ersten Turbojahr. Insgesamt: 27 000 Schülerinnen und Schüler im Jahrgang 13, 23 000 Schülerinnen und Schüler im Jahrgang 12 und 30 000 Schülerinnen und Schüler im Jahrgang 11, also etwa ein Drittel mehr als im ersten Turbojahr.Was bleibt also vom starken Jahrgang mit starken Chancen übrig? - Zahlenmäßig ist dieser Jahrgang gar nicht stark. Ganz im Gegenteil, er ist so dünn wie schon lange nicht mehr.(Zustimmung von Ina Korter [GRÜNE])Eines stimmt aber: Die Leistungsstarken haben es in zwölf Jahren geschafft. Diejenigen, die einen Großteil ihrer Freizeit drangegeben haben, haben es geschafft. Diejenigen, die Unterstützung von ihren Eltern und aus ihrem Umfeld hatten, haben es geschafft.Eine solche Sortierung ist aber nicht richtig.(Beifall bei der LINKEN und Zustimmung bei den GRÜNEN)Wir müssen Schülerinnen und Schülern mehr Zeit für das Lernen und mehr Zeit für die persönliche Entwicklung geben; kurz: mehr Zeit bis zum Abitur. Denn eine Schule, die nur das Reinpauken von Wissen vermittelt bzw. vermitteln muss, ist keine erfolgreiche Schule. Später in der Ausbildung, im Studium und im Beruf ist mehr gefragt als die reine Wiedergabe von Angelerntem.(Beifall bei der LINKEN und Zustimmung bei den GRÜNEN)Zahlreiche Studien zeigen auch, dass Turbolernen zu keinen Turboergebnissen führt. Es wäre interessant, in einigen Jahren zu untersuchen, welcher der beiden Jahrgänge sich als erfolgreicher erweist. Schülerinnen und Schüler brauchen Zeit für Bildung und für Persönlichkeitsentwicklung. Wir dürfen ihnen durch das Turboabitur nicht ihre Freizeit rauben. Wir sprechen hier nicht über Lernmaschinen, sondern über junge Menschen an der Schwelle zum Erwachsenwerden.(Beifall bei der LINKEN)Schnelle Verwertbarkeit für den Arbeitsmarkt und nicht pädagogische Gründe führten zur Einführung des Turboabiturs. Ich zitiere den ehemaligen niedersächsischen Kultusminister Rolf Wernstedt aus seinem Vortrag aus dem Anlass des 40-jährigen Bestehens von Gesamtschulen zu den Motiven der G8-Reform:„Die achtjährige Phase, die in diesem Jahr erstmals absolviert wurde, ist das Produkt der bedingungs- und atemlosen Verwertbarkeitsideologie neoliberaler Observanz.“Dem kann ich nur zustimmen. Diese Reform war unnötig, und ich bezweifle ihren Erfolg.(Beifall bei der LINKEN und Zustimmung bei der SPD - Björn Thümler [CDU]: Es lebe der Sozialismus! - Unruhe - Glocke des Präsidenten)Zum Stichwort „Starke Chancen“. Schauen wir zuerst auf den Ausbildungsmarkt. In der Statistik zum Ausbildungsmarkt der Agentur für Arbeit aus dem vergangenen Monat sehen wir die folgenden interessanten beiden Zahlen. Zum einen ist die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber mit Abitur im Vergleich zum Vorjahr um 35 % gestiegen. Das ist wegen des doppelten Abiturjahrgangs nicht weiter verwunderlich.Schauen wir zum anderen auf die Zahl der unversorgten Bewerberinnen und Bewerber. Das sind diejenigen Suchenden, die noch gar nichts in der Hand haben. Hier ist der Anstieg sogar noch leicht höher, wenn wir 2010 und 2011 vergleichen. 36 % mehr Abiturientinnen und Abiturienten suchen derzeit noch einen Ausbildungsplatz. Die Chancen für den doppelten Abiturjahrgang haben sich also keineswegs verbessert.(Jens Nacke [CDU]: Vergleichen Sie am 1. August noch einmal!)Dabei sind die Rufe nach qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern wegen des allzeit gemutmaßten Fachkräftemangels doch kaum zu überhören. Doch auf dem Ausbildungsmarkt herrscht immer noch ein Kampf um die Plätze. Insgesamt kommen auf einen Bewerber derzeit 0,82 Ausbildungsplätze. Starke Chancen? - Fehlanzeige!Blicken wir auf das Studium. Die Zahl der Studienplätze wird sich erhöhen. Wegen der Flucht aus dem Turboabi und dem freiwilligen Wiederholen eines Schuljahres wird der Kampf um die Studienplätze in diesem Jahr etwa so erfolgversprechend oder aussichtslos sein wie im Vorjahr. Was aber nicht im selben Maße erhöht wurde, ist die Zahl der Wohnheimplätze. In den Gebieten der Studentenwerke Braunschweig, Göttingen und Hannover wird es ein Hauen und Stechen um die Plätze geben. Hier fehlen mindestens 1 500 Wohnheimplätze. Insofern hat der doppelte Abiturjahrgang vielleicht starke Chancen auf einen Zeltplatz, aber bei bezahlbarem Wohnraum sieht es schlecht aus.(Beifall bei der LINKEN - Jens Nacke [CDU] lacht)Ich komme zum Schluss und beglückwünsche nochmals die Absolventinnen und Absolventen zu dem bestandenen Abitur. Die Schülerinnen und Schüler haben ihre Aufgaben erfolgreich bewältigt. Die Landesregierung hat es leider nicht.Vielen Dank.(Beifall bei der LINKEN - Zustimmung bei der SPD und bei den GRÜNEN)